Wie der Genderteufelskreis Frauen finanziell abhängig macht

Der Genderteufelskreis (Quelle Bild: Lisa)

Die finanzielle Abhängigkeit von Frauen hat ihren Ursprung meist schon in den eigenen Kindertagen. Die spätere Berufswahl und Rollenverteilung ist beeinflusst von Stereotypen, die sich bereits im Kleinkindalter einprägen. Stereotypen sind gefährlicher als Vorurteile. Vorurteile drücken eine generelle und bewusste Haltung aus. Stereotypen dagegen sind eine unbewusste und automatische Zuordnung.

Die Interessen von Mädchen und Jungs werden schon im Kindergarten vorgeprägt

Bereits kleine Kinder entwickeln eigene Interessen. Dabei kann man beobachten, dass diese in Abhängigkeit des Geschlechts jeweils unterschiedlich sind. Diese Interessen sind oftmals abgeguckt von Vorbildern und vorgelebten Rollenbildern. In der Werbung spielen die kleinen Mädchen mit dem rosa Bügeleisen und die Jungs mit dem blauen Bagger. Zuhause kocht und putzt die Mutter und der Vater repariert den Wasserhahn.

Darüber hinaus entwickelt sich im Kindergartenalter ein gruppenkonformes Verhalten und geschlechtsbezogene Rollenmuster prägen sich ein. Mädchen sind brav, zurückhaltend und hübsch. Jungs sind mutig und stark. Unbekannte Verhaltensweisen führen schnell zu Ausgrenzung und Widerstand. Zugehörigkeit ist ein ganz natürliches menschliches Bedürfnis und wird am einfachsten erlangt, indem man sich den Gruppenregeln unterwirft.

Jungs sind nicht klüger als Mädchen

Im Grundschulalter geht es weiter. Mädchen gehen davon aus, dass Jungs klüger sind. Jungs gehen auch davon aus. Mathe können Jungs nach vorherrschender Meinung angeblich besser als Mädchen. Dabei sind in 70% der Länder Mädchen besser als Jungs in der Schule.

Bei der Studien- und Berufswahl orientieren sich die Kinder dann wieder an meist gleichgeschlechtlichen Vorbildern und an ihren Interessen, die sie teilweise schon seit dem Kindergartenalter haben. Wenn die Tante Sozialpädagogin ist, identifizieren Mädchen das als mögliches Berufsbild für sich. Ist der Nachbar Ingenieur, beginnt eher der Junge sich für diesen Beruf zu interessieren. Mädchen wollen beispielsweise oftmals Flugbegleiterinnen werden, weil sie gar nicht wissen, dass es Pilotinnen gibt. Auf dem Flug in den Urlaub wird der Tomatensaft auch zu selten von einem Mann serviert. Die Durchsage aus dem Cockpit kommt zu selten von einer Frau. Sobald sie aber eine Pilotin kennen lernen, können sie sich diesen Beruf für sich selbst vorstellen.

Frauen verdienen viel weniger und werden benachteiligt

Entsprechend landen viele Frauen in schlecht bezahlten Berufen wie beispielsweise in der Pflege oder Sozialarbeit und viele Männer in besser bezahlten technischen Jobs. So wird der erste Grundstein für das Gender Pay Gap von 21% gelegt. Das eine Problem ist, dass die Branchen für die sich Frauen häufiger entscheiden, geringere Gehälter mit sich bringen. Das andere Problem ist, dass Frauen für die gleichen Jobs schon schlechtere Einstiegsgehälter als Männer bekommen und somit das bereinigte Gender Pay Gap für die gleiche Arbeit und gleiche Qualifikation immer noch 6% – 7% beträgt. Das liegt einerseits daran, dass Frauen in den meisten Fällen ein vorgeschlagenes Gehalt akzeptieren.1)

Anderseits wird es ihnen wie wissenschaftliche Studien belegen aber auch als nachteilig ausgelegt, wenn sie ihr Gehalt verhandeln wollen. Eine im eigenen Interesse verhandelnde Frau entspricht nicht den Erwartungen und wird als ungewöhnliche Verhaltensweise wahrgenommen. Dies führt dazu, dass das Gegenüber – egal ob es männlich oder weiblich ist – sie eher als unsympathisch wahrnimmt und sich ihre Karriereaussichten verschlechtern. Es besteht also die Gefahr, dass die verhandelnde Frau einen Preis bezahlt wie wissenschaftliche Untersuchungen zeigen.2)

Ein Mann dagegen, der sein Gehalt verhandelt, gilt als durchsetzungsfähig und willensstark. Erst wenn es nichts besonderes mehr ist, dass auch Frauen ihr Gehalt verhandeln, wird sich das geläufige Bild von ihnen ändern und der Einzelnen nicht mehr als nachteilig ausgelegt.

Gläserne Deck

Bei der Entwicklung der Karriere stoßen Frauen dann oftmals gegen die sogenannte gläserne Decke. Die Glasdecke bezeichnet eine nicht sichtbare Barriere. Die Karriere von Frauen endet meist, auch wenn ihre Qualifikationen für das höhere Management sprechen würden, auf der Ebene des mittleren Managements. Dagegen klettern männliche Mitarbeiter mit gleicher Qualifizierung die Karriereleiter bis in die oberste Führungsebene hinauf. Solche „gläserne Decken“ existieren auf Grund der noch immer starken Bevorzugung von männlichen Kollegen bei der Auswahl von höheren Positionen. Personalverantwortliche argumentieren dabei nach wie vor sehr stark mit familiären Verpflichtungen von Frauen und der dadurch einhergehenden Einschränkung ihrer Produktivität und ihres Engagements. Genau hier liegt jedoch das Problem. Diese Einstellung hat sich zur self-fulfilling prophecy entwickelt. Frauen haben nicht die gleichen Chancen wie Männer. Sie verdienen dadurch weniger und werden bei der Geburt eines Kindes eher Arbeitszeit reduzieren als Männer, weil ihre Arbeit eben geringer entlohnt wird.

Außerdem sind die Regeln, wie Karriere funktioniert, von Männern gemacht worden. Hält sich eine Frau an diese Regeln entspricht sie wiederum nicht den gängigen Vorstellungen und wird als unsympathisch empfunden. Um diese gläserne Decke durchbrechen zu können und karriereorientierte Frauen als nichts Ungewöhnliches mehr zu empfinden, muss Mädchen schon früh beigebracht werden, ihre Möglichkeiten auszuschöpfen und ihre Ziele nachhaltig zu verfolgen. Außerdem ist es wichtig, dass Frauen in Führungspositionen Vorbildfunktionen für junge Mädchen übernehmen und mithelfen, diese gläserne Decke zu durchbrechen.

Karrierekiller Kinder

Die Geburt eines Kindes ist genau der Zeitpunkt, in dem viele Frauen in die finanzielle Abhängigkeit rutschen. Da sie in den meisten Fällen bei Familiengründung weniger verdienen als Männer, sind sie es, die den Großteil der Elternzeit nehmen, größtenteils für die Hausarbeit verantwortlich sind und zum Wohle der Familie Arbeitszeit reduzieren.

Der Mann wird zum Hauptverdiener und oftmals noch mit einer Gehaltserhöhung belohnt, wenn er Vater wird. Schließlich muss er jetzt eine Familie versorgen. Das umgekehrte Modell ist in der Regel finanziell nachteiliger. Hinzu kommt in Deutschland noch, dass arbeitende Mütter mit vielen Vorurteilen zu kämpfen haben und schnell als Rabenmütter gelten. Der gesellschaftliche Druck führt sogar dazu, dass Frauen weniger arbeiten als sie wollen oder können und Kinder seltener fremd betreut werden. Da die Entwicklung von Karriere auch im digitalen Zeitalter eng im Zusammenhang mit Anwesenheitszeit im Büro steht, entwickelt sich das Gehalt von Frauen immer langsamer weiter als das der Männern.

Kostenlose Care-Arbeit wird meist von Frauen geleistet

Nachdem die Kinder nicht mehr so intensiv betreut werden müssen, müssen dann oftmals die eigenen Eltern oder Schwiegereltern gepflegt werden. Hier geht der Teufelskreis weiter. Der Ehepartner, der weniger verdient oder eh bereits Teilzeit arbeitet übernimmt dann diese Aufgabe und leistet damit einen weiteren Teil sehr wertvoller aber leider unbezahlter Care-Arbeit. Dadurch ergreifen viele Frauen auch nicht die Möglichkeit ihre Arbeitszeit wieder zu reduzieren und können ihrer finanziellen Abhängigkeit nicht entgegenwirken.

Beim Rentenbeginn kommt dann die Quittung. Frauen in den alten Bundesländern bekommen monatlich im Schnitt 430 Euro weniger Rente als Männer – das sind immerhin rund 36 Prozent. Als Lösung bleibt ihnen eigentlich nur, sich noch intensiver um die Aufstockung der eigenen Rente zu kümmern. Hier geht die Spirale jedoch weiter. Die Finanzen der Familie regeln meistens die. Wenige Frauen finden zu diesen Themen Zugang und begeben sich auch dabei in die Abhängigkeit von Männern.

Und wenn die Töchter dieser Frauen sich Gedanken über eigene Berufswünsche machen oder über die Rollenverteilung bei Familiengründung, orientieren sie sich an Vorbildern aus ihrem Umfeld. Das sind nun mal oft die eigenen Mütter und Großmütter …. Das traurige ist nur, dass der Genderteufelskreis dadurch nicht durchbrochen werden kann.

  1. https://www.cmu.edu/graduate/images/gpo-website-data/pd_negotiating-job-offers1_weingart.pdf
  2. Quelle: Psychological Perspectives on Gender in Negotiation von Hannah Riley Bowles, Harvard Kennedy School


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