Mütter in der finanziellen und materiellen Falle – Wie bleiben sie unabhängig?

Ich saß mit meiner Kollegin beim Mittagessen. Sie hat bereits ein Kind, arbeitet Teilzeit und ihr Arbeitsplatz ist eine Stunde vom idyllischen Einfamilienhaus auf dem Lande entfernt. Wir unterhalten uns über Work-Life-Balance. Sie schwärmt von ihrer Halbtagsstelle und dass sie jetzt ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Privatleben und Arbeitszeit hat. Zu diesem Zeitpunkt bin ich im zweiten Monat schwanger. Es weiß noch niemand im Büro davon. Ich mache mir natürlich viele Gedanken, was sich alles ändern wird und wie ich mir danach den Wiedereinstieg in den Beruf vorstelle.

Als sie von ihrer ausgewogenen Work-Life-Balance und den schönen Nachmittagen mit dem Kind berichtet, bekomme ich große Augen und freue mich, dass ich mich auch bald dafür entscheiden kann. Mein Job macht mir Spaß, doch gegen weniger Stunden im Büro hätte ich auch erst mal nichts einzuwenden.
Das Gespräch entwickelt sich nun weiter in Richtung Haus mit Garten ist toll, wenn man ein Kind hat. Dann braucht man meist zwei Autos. Das Haus in Haltestellennähe ist es nämlich nicht geworden, da zu teuer. Mein Mann verdient mehr und daher kümmert frau sich mehr um das Kind. Also die übliche Geschichte einer jungen Familie.

Erster Aha-Effekt

Ich male mir aus, wie es bei meiner jungen Familie aussehen würde und ob wir uns auch ein Häuschen und zwei Autos leisten würden. Doch dann fällt auf einmal ein Satz, der mich aus meinen ganzen Tagträumen reißt. Meine Kollegin erwähnt ganz beiläufig, dass sie sich das Ganze allein mit ihrem aktuellen Gehalt nicht leisten könnte und nun von ihrem Mann abhängig ist. Das hat gesessen. Der Satz bleibt bei mir nicht nur hängen, sondern er brennt sich in meinen Kopf regelrecht ein. Sie ist nun von ihm abhängig. Er aber nicht von ihr. Das typische deutsche Familienmodell also.

Ich selbst bin 30, habe einen Master in BWL, einen Job als Projektleiterin, kann von meinem aktuellen Gehalt meine Ausgaben decken und nebenbei noch Vermögen aufbauen. Ich dachte immer, ich wäre eine moderne Frau. Doch plötzlich wird mir klar, vor welchem Scheideweg ich stehe und wie schnell man in Abhängigkeiten hineingerät.

Was braucht man wirklich ? 

Nicht nur, dass ich bei Rückkehr in Teilzeit Gehaltseinbußen haben werde. Ich laufe jetzt auch Gefahr, dass sich mein Lebensstandard auf ein Niveau hochschraubt, das ich mir alleine ohne meinen Mann nicht mehr leisten kann.  Aktuell haben wir kein Auto und eine Drei-Zimmer-Wohnung. Nach herrschender Meinung muss man einem Baby bzw. Kleinkind aber mehr bieten. Es braucht einen Garten und man kann mit Kind ja nicht mit den Öffentlichen fahren. Da braucht man auf jeden Fall ein Auto…. Wie will man denn sonst die ganzen Windeln nach Hause schleppen? So schnell beginnt also dieser Teufelskreis. Ein bittere Erkenntnis zu Beginn einer Schwangerschaft. Wenigsten hatte ich diese Einsicht zu diesem Zeitpunkt und nicht erst noch später.

Mir ist meine Unabhängigkeit weitaus wichtiger, als ein Garten für mein Ungeborenes. Wieso sollte ich auch noch eine super angebundene zentrale Wohnung dafür aufgeben? Dann hätten mein Mann und ich nur weitere Wege ins Büro und könnten dadurch weniger arbeiten oder weniger Zeit mit dem Kind verbringen. Auch bei uns verdient mein Mann mehr als ich. Diese Tatsache presst mich schon in ein Rollenmuster, das mich abhängig macht. Je mehr ich mich jedoch in dieses Muster pressen lasse, desto schwerer komme ich aus dieser Rolle wieder heraus.

Zweiter Aha-Effekt

Der nächste Aha-Moment kam, als ich meine Schwangerschaft verkünde. Als ich erzähle, nach einem Jahr Pause spätestens wieder arbeiten zu wollen und dann 75-80%, blicke ich in erstaunte Gesichter. Ich bekomme gleich gute Ratschläge. „Warte erst mal ab. Nimm dir eine längere Pause. Das wird ganz schön stressig werden, etc.“ Diese Tipps sind sicher nur gut gemeint. Sie zeigen aber auch gleichzeitig was der gängigen Erwartung entspricht. Aber soll ich jetzt prophylaktisch länger als ursprünglich geplant zuhause bleiben und danach nur halbtags zurückkehren? Schließlich könnte es ja nicht funktionieren. Und was, wenn es funktionieren würde?

Wieso soll ich mich jetzt schon verrückt machen? Damit ich jederzeit Probleme lösen kann, die vielleicht gar nicht so oft auftreten?
Abgesehen davon habe ich ja auch noch einen Mann. Zahlreiche Studien belegen, dass hinter jeder beruflich erfolgreichen Mutter ein unterstützender Partner steht. Man könnte beruflich erfolgreich auch durch unabhängig ersetzen.

Doch welche Möglichkeiten haben Mütter mit Kindern, um unabhängig zu bleiben?

Idealfall

Wenn Mann und Frau sich die Familienarbeit aufteilen, dann haben beide gleiche Chancen und Möglichkeiten beruflich voranzukommen und der eine ist nicht auf Grund der Familiengründung vom anderen abhängig. Dadurch verfestigen sich die altmodischen Rollenbilder nicht so stark. Wenn das Kind krank ist, wechselt man sich mit Betreuen ab. Der eine Elternteil bringt das Kind morgens in die Krippe und der andere holt es abends ab. Auch Frau kann auf Geschäftsreise gehen. Die Hausarbeit wird aufgeteilt etc. Genau auf diese Punkte kommt es an. Ein Idealmodell ist dabei, dass beide Partner eine vollzeitnahe Teilzeitstelle ausüben.

Alternative

Doch diese gleichberechtigte Aufteilung gibt es selten. Was wäre eine mögliche Alternative? Für viele Männer kommt eine Reduzierung der Arbeitszeit nicht in Frage – das ist heute leider immer noch das klassische Modell. Trotzdem ist die Eigenständigkeit und Rückkehr in den Beruf auch für Mütter sehr wichtig. Sie könnten vollzeitnah und in Teilzeit zurückkehren. Dadurch können die Themen und Projekte im Beruf weiterhin gut vorangetrieben werden. Gleichzeitig kann man aber etwas flexibler sein, um Zeit mit dem Kind zu verbringen oder den eigenen Teil der Familienarbeit zu leisten. Das soll nicht heißen, dass man dem Vater alles abnimmt und sich alleine ums Kind kümmert. Alles was der Vater auf Grund seines Jobs nicht leistet, sollte die Mutter nicht auffangen müssen. Eine Lösung hierfür ist es, bezahlte Hilfe zu suchen: einen Ganztagskrippenplatz oder eine Tagesmutter und eine Putzfrau. Man sollte seine Arbeitszeit nicht reduzieren, nur um den Haushalt zu organisieren. Die reduzierte Zeit sollte man nutzen, um sie mit seinen Kindern zu verbringen. 

Vermögensaufbau im klassischen Modell

Ein weiterer wichtiger Aspekt für die finanzielle Unabhängigkeit der Frau ist der Vermögensaufbau. Dass die Männer mehr arbeiten als die Frauen, ist auch im 21. Jahrhundert leider meist immer noch dem Gehaltsunterschied geschuldet. Wie werden die Chancen, die dem Elternteil entgehen, das mehr für die Erziehung der gemeinsamen Kinder zurücksteckt, ausgeglichen? Verheiratete profitieren theoretisch vom Zugewinn. Zu diesem Zugewinn steuert der Vater, der mehr arbeitet und mehr verdient in der Regel auch mehr bei. Doch wie wird aus einem theoretischen Zugewinn auch ein tatsächlicher Zugewinn? Indem man Vermögen aufbaut. (Wie das funktioniert lest ihr hier) Nicht wenn man nur den gemeinsamen Lebensstandard erhöht und auf Kosten des Mannes lebt.

Deswegen ist es äußerst wichtig, dass man sich gemeinsam Gedanken macht, wie viel Geld monatlich gespart werden soll und wie es angelegt wird. In die private Altersvorsorge (beispielsweise ETF-Sparpläne) sollte weiterhin eingezahlt werden. Falls das Elterngeld/Teilzeitgehalt und Gehalt des Vollzeitarbeitenden dafür nicht ausreichen, sollten bei getrennten Depots beide Sparpläne anteilig heruntergesetzt werden. Dabei ist es für Mütter wichtig, dass man die Verantwortung für den Vermögensaufbau und das Wissen darüber nicht abgibt.

Unverheirateten Frauen oder Ehefrauen, die eine Gütertrennung vereinbart haben, würde ich auf jeden Fall empfehlen auf gleiche Arbeitszeitreduzierung beider Eltern zu bestehen und gleiche Pflichten bei der Familienarbeit einzufordern.

Wie regelt ihr das? Ich bin gespannt auf eure Kommentare.

Quelle: Pixabay – CCO

2 Kommentare

  • Liebe Lisa, ein toller Artikel. Sehr umfassend und jeder Frau/Mutter zu empfehlen.

    • Liebe Esther, viele Dank für deinen Kommentar. Frauen sollten sich gegenseitig darauf aufmerksam machen.

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